Thomas Bernhard

Das einzige Foto, auf dem Thomas Bernhard (2. v.l.) und Peter Handke (re.) zu sehen sind. Aufgenommen am Tage der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Siegfried Unseld. © Suhrkamp Verlag

»Ich habe einmal gesagt, die späteren Romane von Thomas Bernhard, nach ›Korrektur‹, seien Dadaismus in Romanform. Aber den Dadaismus haben wir schon gehabt, und er war sehr fruchtbar und richtig. Aber was braucht man das noch einmal? Andererseits … was das Schlimme ist, vielleicht noch schlimmer (…) an dem vielen, was Bernhard geschrieben hat, ist, daß es so leicht nachahmbar ist. Und daß er für viele junge Autoren, die auch ein Talent haben, zur Falle wird, aus der sie nie mehr herauskommen. Wer einmal anfängt, diesen subtilen Rhythmus von Thomas Bernhard nachzuschreiben, ist, glaube ich, fürs Schreiben verloren. Man kann dann ewig so weiterschreiben, aber es führt zu nichts. Warum soll’s auch zu was führen? Vielleicht ist es genau das richtige, daß es zu nichts führt. Andererseits hat mir einmal in wirklich kluger Mensch gesagt, ab irgendeinem Moment hat Thomas Bernhard seine Schreiberseele dem Teufel verschrieben und konnte dadurch auf ewig so weiterschreiben. Und man spürt das auch, es gibt … kein Innehalten mehr. Es ist schade, denn er war sicher der Begabteste von uns allen. Aber vielleicht ist das der Fluch der Begabung, daß, wenn man mal einen Weg findet, man sich einbildet, daß der Weg ein Weg ist. Was er nie ist. Es gibt keinen Weg, im Schreiben. Man muß ihn immer neu finden. Und das ist auch der Unterschied, glaube ich, meiner Stücke zu den wunderbaren oder wundersamen … Machwerken, – es sind Machwerke – von … meinem Kollegen.«

Peter Handke / Peter Hamm, Es leben die Illusionen. Gespräche in Chaville und anderswo, Göttingen: Wallstein Verlag 2006, S. 153f.