Piran – Štrunjan

Sollte man auf den Spuren des Veröffentlichten dem Beginn der intensiven Auseinandersetzungen mit dem Slowenischen seitens Peter Handke nachgehen wollen, wäre seine Übersetzung von Florjan Lipuš, Der Zögling Tjaž (zusammen mit Helga Mračnikar) aus dem Jahr 1981 zu nennen. (Die beste Analyse der Beziehung Handke-Slowenien findet sich immer noch in: Fabjan Hafner, Peter Handke. Unterwegs ins Neunte Land.) Der erste buchlange Versuch über Slowenien jenseits der österreichischen Landesgrenzen bildet Die Wiederholung (1986). In Mein Jahr in der Niemandsbucht, erschienen 1994, gelangt Valentin, der Sohn, nach Piran, das Vater wie Sohn gleichermaßen tangiert.

© Lisl Ponger

Piran

© Lisl Ponger

Piran

»Südwärts fuhr er kreuz und quer durch Slowenien, vom Küstenland zurück in das Kontinentaleuropa, vom Vorfrühling in den Winter und umgekehrt. Das Meer, die Adria, sah er lange Zeit nur augenblicksweise, aus der Ferne, von den Kalkhöhenrücken aus. Manchmal, nach einer Strecke schon im Dunkeln, wenn er davon nichts mitbekommen hatte, nahm er am folgenden Morgen, bei Tageslicht, den Bus zurück, bis ungefähr dort, wo es Nacht geworden war.

Es war bereits Februar, als er am Hafen von Piran, sonst kaum eine Tagesreise weg von Nova Gorica, Platz nahm auf den Wellenbrechern dort, meinen Steinen des Nichtwissens, vor denen mir damals in seinem Alter, vor fünfunddreißig Jahren oder vorgestern, alles Gelernte und jede Herkunft entfallen war und ich mich, einen Nachmittag und einen Abend lang, nichts als eingesponnen in die Welt gefühlt hatte, sowie nach Piran und meinem ersten Meerestag nicht mehr so recht, oder kaum mehr.

Valentin schickte mir von seinem Nach-Sitzen eine Zeichnung von den Steinblöcken, nichts als diese; die Bucht und das bewaldete Gegenufer hatte er wieder ausradiert. So, mit nichts drumherum, wirkten die Blöcke, wie sie das Blatt ausfüllten, noch dazu übergenau wiedergegeben, unkenntlich, konnten auch Tierköpfe, Mauerrisse, Wäschebündel sein, und waren oder ergaben, als ich sie mir nah vor die Augen hielt, wie seinerzeit, für Augenblicke das Bild von gar nichts mehr. Ja, so vorweltlich, so verpuppt, und ich mich mit ihnen, hatte ich diese Dinge damals gesehen. Aber wie dem Wissen auf Dauer entgehen? Wie auch immer: Meine Steine gab es noch.

© Lisl Ponger

Piran

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Piran

Kaum vorstellbar, daß in der stillen Piraner Bucht solche Wellenbrecher benötigt wurden, und doch traf Valentin dann weiter draußen bei der punta mit dem Leuchtturm auf mauerhohe Kieselmassen, von der jüngsten adriatischen Sturmflut aus dem Meeresgrund hoch über die Absicherungen auf die Promenade, bis an die Sockel der Landspitzen-Häuser geschleudert, ähnlich wie eine der vorigen Sturmfluten jene Saline in der Nachbarbucht von Štrunjan unter sich begraben hatte, wo der jugendliche Ich-Erzähler meiner viel später verfaßten »Steine des Nichtwissens«-Geschichte, von der salzweißen Leere erregt, getrieben von Begierde für eine unbestimmte Frau, die sich aber nicht zeigt, dann denkt, jetzt oder nie sei es die Zeit, sich an das Schreiben eines Buches zu machen.

Dieses Meer, heute teichruhig, morgen ein Ungetüm, begann meinen Sohn, den weißhäutigen, zuvor am Atlantik und am Pazifik ein eher unlustiger Gast, zu beschäftigen. »Meine« Saline sah er dabei nur in ihrer Ausstellung im Salzmuseum von Piran, auf Photos, mit den letzten übrigen Gegenständen, dem Maiskolben als Kleinstschleuse, den Brotstempeln der verschiedenen Salinenfamilien für ihr in dem einen gemeinsamen Ofen gebackenes Brot, den wegen der da wilden Sonne besonders breitkrempigen, auch Augen und Nase schützenden Hüten.

Sonst studierte er in Piran noch das eigentümliche Grau der Palmenstämme und hatte in der lauen Nacht am Quai zum ersten Mal Freude an einem Volkstanz, sogar an den Trachten; oder es ging auf ihn über, wie die Tänzer, mit ihrem Tanz und ihrer Musik, sonst immer nur ausgeführt weit weg in ihren Alpenengtälern, sich freuten, endlich einen so anderen Spielraum um sich zu haben, die Ziehharmonikas, Klarinetten, Gewänder und Glieder beflügelt von dem Wind auf dem Hafenplatz hier als einem so viel größeren Tanzboden, zudem hinten offen zur Salzflut.«

© Lisl Ponger

Štrunjan

© Lisl Ponger

Štrunjan

Aus: Mein Jahr in der Niemandsbucht, Peter Handke Bibliothek, Bd. 4, S. 413-415.

Alle Fotografien von Lisl Ponger.
Lisl Ponger, geboren 1947 in Nürnberg, lebt und arbeitet in Wien. 2017 erhielt sie den Otto-Breicha-Preis für Fotokunst. In den 90er Jahren folgte sie den Stationen einer Reise Peter Handkes mit ihrer Fotokamera, »nicht um den Text zu illustrieren, sondern um die Räume auf ihre Weise zu ›realisieren‹, also ›freizuphantasieren‹«.