»Schreiben: Sich zur Ruhe setzen«
Die Entstehung von Mein Jahr in der Niemandsbucht
Von Raimund Fellinger
1. Das Manuskript
Am 11. Januar 1993 schreibt Peter Handke im zwischen Paris und Versailles gelegenen Chaville am Schreibtisch seines Hauses den ersten Satz des »Märchens aus den neuen Zeiten« nieder: »Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren.« Mit diesen 11 Worten beginnt Mein Jahr in der Niemandsbucht. Sie sind, wie das gesamte Manuskript (hier ist der Ausdruck am Platz), mit Bleistift von Hand auf unliniertem weißem Papier in DIN-A4-Format (siehe Abbildungen Seite 164f.) fixiert. Anderthalb Seiten schafft der Autor an diesem Tag, es sind, im Druck (MJNa), Seite 11 und die obere Hälfte vor der Leerzeile von Seite 12. (Zitate aus diesem Buch werden im Folgenden zweifach nachgewiesen: nach der Erstausgabe von 1994, bezeichnet als MJNa, mit einem Umfang von 1067 Seiten, und der neugesetzten Taschenbuchausgabe von 2007, bezeichnet als MJNb, mit einem Umfang von 628 Seiten.)
Zum ersten Mal verfasste Peter Handke im März 1989 (im spanischen Linares) ein Buch vollständig mit der Hand: den Versuch über die Müdigkeit. Seitdem schreibt er fast alle seine Prosamanuskripte mit dem Bleistift. Jeweils auf dem linken, schmalen Rand des Blattes notiert und unterstreicht er das Datum, an dem die auf derselben Zeile beginnende Passage entsteht – eine Selbstdokumentation, die er seit seinen Schriftstelleranfängen betreibt. Die Einträge am Rand beschränken sich in Mein Jahr in der Niemandsbucht nicht auf die Angabe von Tag, Monat und Jahr (die teilweise, in runde Klammern gesetzt, spezifiziert werden als »Maria Lichtmeß« oder »Pfingstsonntag«), sie halten darüber hinaus (ebenfalls in runden Klammern) Ort und, unsystematisch, Umstände der Niederschrift sowie wichtige »Randfaktoren« fest. Einige Beispiele: Am 26. Februar 1993 konstatiert der Schreiber »Fieber, zum Umfallen«, am 3. April »Tod meines Vaters«, am 24. Mai findet sich die Ortsangabe »(Wald …) Eidechsenweg«, am 11. Juli die Erinnerung »3 Jahre in Chaville«, am 10. Juli beobachtet er das Auftauchen einer »Nazibande mit Wolfshund« an seinem Schreibplatz im Wald, am 19. Juli notiert er den Auftrag an sich selbst, »türk[isches]. Wort f[ür]. Wein finden«, am 20. November ist die Außentemperatur (minus 4 Grad Celsius) erwähnt. Im August tauchen im Manuskript Zeichnungen am Rand auf: Rattenköpfe, vom Autor skizziert. Er hat das selbst erklärt: »An dem Seeufer [dem Hauptschreibplatz im Wald von Chaville] gibt es Ratten. Immer wenn eine zu meinen Füßen auftauchte, habe ich eine kleine Zeichnung von ihr gemacht.« (Handke/Michaelsen 1994, 124)
Am 18. Dezember 1993 beendet der Autor die Arbeit am Manuskript »etwa sieben Uhr früh, finster, Wind in der Zeder«. (Siehe Abbildung Seite 165) Es ist während der 322 Schreib-Tage auf 535 Blatt angewachsen, jedes von ihnen auf der Vorderseite beschrieben mit mindestens 38 und höchstens 48 Zeilen. Gegliedert ist es, neben den Kapitelüberschriften, durch (großteilige) Absätze. Der erste Teil, »Wer nicht? Wer?« (MJNa 11-260; MJNb 9-155), wird am 14. April auf Blatt 172 beendet. Bis zu diesem Datum ist die Arbeit nicht für einen einzigen Tag unterbrochen worden. Am 3. Mai wird Teil II (»Wo nicht?, Wo?« – so die Bezeichnung im Manuskript) in Angriff genommen, am 8. Juli Teil III (»Die Geschichte meiner Freunde«, ab Bl. 262), Teil IV (»Mein Jahr in der Niemandsbucht«, ab Bl. 375) am 30. September. Anfänglich entstehen etwa anderthalb Bleistiftseiten pro Tag, im November zeitweise fast vier. Auf die Frage, ob er bei diesem Buch einen neuen persönlichen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt hat, antwortete Peter Handke: »›Die Angst des Tormanns beim Elfmeter‹ hab ich in 24 Tagen geschrieben, und für den ›Kurzen Brief zum langen Abschied‹ habe ich 28 Tage gebraucht. Ich war also in meinem Leben schon schneller. Aber im Vergleich zu den letzten 15 Jahren habe ich fast meine früheren Rekordzeiten erreicht, ja.« (Handke/Michaelsen 1994, 124)
Mein Jahr in der Niemandsbucht entsteht fast ausschließlich in Chaville und den Wäldern der Umgebung (zwischen dem 3. und 14. Mai schreibt der Autor im spanischen Toro, auf den Spuren von Francisco, einer Figur seines »Märchens«, des Malerfreundes, der dort einen Film drehen will; es entstehen Blatt 172 bis 193, vgl. MJNa 263-309; MJNb 159-185). Zwei Hauptschreibplätze gibt es, einen innen, in seinem Haus, im ebenerdig gelegenen »Gartenzimmer«. Der zweite liegt im Freien, an einem kleinen See, den Handke während der Arbeit entdeckt und auf den Namen »Namenloser Weiher« getauft hat.
Er befand sich in dem Dickicht jenseits des namenlosen Teichs, aber ich hatte auf das Wasser Aussicht, durch eine lange Schneise, bis hin zu den Buchten des mehr zugänglichen Ufers; wer dort stand, hätte mich freilich, bis dann zur Blätterfallzeit, erst ausspähen müssen. […]
Ebenda stieß ich gleich am ersten Tag auf einen vom Zersägen einer Mammuteiche liegengebliebenen Klotz, einen einstigen Zylinder, der vom Kern her ausgebrannt und zu zwei ausgehöhlten Halbzylindern auseinandergefallen war. Ich wälzte die heilere Hälfte mit einiger Mühe, so massiv war sie, auf und ab über den Moosboden, an eine Stelle, wo sie von selber über eine Steilböschung hinunter zu meinem Wasserwinkel rumpelte. Und dort, auf dem weichen, torfschwarzen, aber noch nicht morastigen Grund, richtete ich die Form auf, setzte mich auf die Erde, fußnah an meinem Ufer, lehnte mich zurück in den Holzhalbkreis und hatte einen Ohrensessel, ohne Beine, wie er für meinen Zweck das richtige war. (MJNa 824; MJNb 488)
Am 8. Juli taucht der Weiher zum ersten Mal am linken Rand einer Manuskriptseite auf, nach dem 5. November nicht mehr: Die schlechten Witterungsbedingungen verhindern die Nutzung dieses Ohrensessels – der wird gegen den gestellt, auf den Thomas Bernhard seinen Ich-Erzähler in Holzfällen platziert. Vom Arbeitsalltag während dieser Monate berichtet Handke:
Gegen halb elf habe ich mich dann aufgemacht und bin zu meinem Stammsitz an einem kleinen See gegangen. Ich habe oft eineinhalb Stunden gebraucht, bis ich endlich dasaß, weil ich viel im Wald herumgetrödelt bin. […] Ich habe mir ein Schinkenbrot und einen Apfel in die Tasche gesteckt, dazu Bleistifte, Radiergummi, Spitzgerät und die Mappe mit ein paar Blättern. (Handke/Michaelsen 1994, 124)
Der Radiergummi kam allerdings nicht häufig zum Einsatz. Auch handschriftliche Ergänzungen sind selten. Zum Beispiel: Blatt 1 weist zwei Ergänzungen auf, Blatt 3 keine einzige, Blatt 99 die Einfügung eines bestimmten Artikels; allein auf Blatt 535, dem Ende, sind zahlreiche Radierspuren erkennbar, und hier werden auch – gemessen am Gesamtmanuskript – relativ viele Ergänzungen vorgenommen.
Aus: Peter Handke. Freiheit des Schreibens – Ordnung der Schrift. Hrsg. von Klaus Kastberger unter Mitarbeit von Clemens Özelt. Paul Zsolnay Verlag 2009. S.133-142. (Abb. 164f.). Band 16 der Reihe Profile (Magazin des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek).